Logo des Amani Kinderdorf e.V.: eine rote Hand Koloniale Verbrechen und der lange Weg der gestohlenen Gebeine

Koloniale Verbrechen und der lange Weg der gestohlenen Gebeine

Beitrag vom 03. September 2026

Vor mehr als 140 Jahren wurde in Berlin die „Afrikakonferenz“ abgehalten, in der europäische Kolonialmächte den afrikanischen Kontinent unter sich aufteilten und dessen Unterwerfung und wirtschaftliche Ausbeutung planten. Ab 1885 unterlagen Gebiete im heutigen Tansania, Ruanda und Burundi der Gewaltherrschaft des deutschen Reiches.

Dabei ging es um die Beschaffung von Kautschuk, Kaffee, Baumwolle, Zucker oder Palmöl mit Hilfe von Zwangsarbeit und sklavenartigen Beschäftigungsverhältnissen, die etwa nach 1898 durch exorbitante „Hüttensteuern“ erpresst wurden. Der zu erwartende Widerstand in der Bevölkerung wurde mit brutaler, militärischer Gewalt niedergeschlagen.

Kongokonferenz @NDLA

Gerade im Hochland um Iringa, in dem heute die Amani Kinderdörfer beheimatet sind, schlugen das Deutsche Reich unter Reichskommisar von Wissmann und seine Söldner mit der Doktrin der „verbrannten Erde“ zu: es kamen vollautomatische Maschinengewehre zum Einsatz, ganze Dörfer, Felder und Getreidespeicher wurden zerstört und Hunger ausgelöst. 1894 begann der Angriff auf Uhehe, 1900 wurde der Sultan Mkwawa enthauptet und sein Kopf als Kriegs­tro­phäe nach Berlin geschickt, und 1905 entbrannte der Maji-Maji Aufstand, in dessen Folge von mehr als 250.000 Ermordeten und Verhungerten ausgegangen wird.

Schon 1893 schlug Reichskommisar Carl Peters, genannt „Hänge-Peter“, Widerstand im Gebiet um den Kilimandscharo nieder. Er führte öffentliche Massenhinrichtungen durch, wie etwa an 19 Fürsten und ranghohen Beratern der Chagga, die erhängt und enthauptet wurden. Noch heute befinden sich ihre Schädel, neben tausenden Weiteren, weitgehend unidentifiziert in deutschen Sammlungen und Museen, gemeinsam mit unzähligen geraubten Kultur-, Kunst und Alltagsgütern.

Dem Provenienzforschenden Valence Silayo von der Universität Dar es Salaam gelang nun die eindeutige Zuweisung des Schädels von Mangi Molelia, einem der 19 Hingerichteten, zu dessen Enkel durch DNA-Tests. Eine Rückführung wäre kein reiner Symbolakt, im Gegenteil: bis heute verbleibt eine leere Grabstätte bei dem inzwischen selbst 70-jährigen Enkel des Ermordeten, der noch immer vergeblich auf die Repatriierung seines Ahnen wartet.

Die gängige Erklärung für die aktuelle Verzögerung hierbei ist eine bilaterale Verhandlung mit Tansania, welches eine großangelegte Rückführung gemeinsam mit Reparationszahlungen anstrebt, was wiederum auf deutscher Seite auf Einwände stößt.

Besondere politische Brisanz hätte dieser finanzielle Aspekt allein angesichts der Anzahl deutscher Firmen, die durch den Handel erbeuteter Kolonialwaren milliardenschweren Reichtum erlangten: von EDEKA (Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler), über Douglas, Beiersdorf und Tchibo bis hin zu der Commerzbank wurde profitiert – während mehr als die Hälfte der Menschen in dem von Deutschland ausgebeuteten und seither wirtschaftlich abgeschlagenen Tansania heute weniger als 3$ am Tag verdienen.

Quellen: